Die letzten sechs Monate besuchte ich das Abbey College Cambridge in England. Es ist eine internationale private Boarding School. Dieser Aufenthalt eröffnete mir einen neuen Blick auf Schule und Unterricht. Ich belegte die Fächer Business, Wirtschaft und Politik sowie zusätzlich Englisch. Dabei sind mir einige Aspekte aufgefallen, die in der Schweiz meiner Meinung nach ohne grossen zusätzlichen Aufwand verbessert werden könnten. Packender, interessanter und motivierender Unterricht war für mich in England Alltag. Auch wenn es sich um eine kleinere Privatschule handelt, bei der die Schulgebühren ohne Boarding bis zu 30’000 GBP pro Schuljahr betragen können, sollte der Fokus – unabhängig von der Schulform – stärker auf folgenden Bereichen liegen:
Unterricht und Abwechslung
Schweiz: Langeweile, Desinteresse und Demotivation sind für mich im Schulalltag meist präsent. Der Unterricht ist oft wenig abwechslungsreich, nicht interaktiv genug und besteht häufig aus langen Lehrer-Monologen. So erlebe ich es zumindest im Zürcher Gymnasium.
Der meiste Stoff wird durch Texte und Bücher vermittelt. Schwarze Buchstaben auf weissem Papier oder schwarze Schrift auf dem Bildschirm – das ist es, was ich täglich sehe. Ich lerne sehr gut mit Veranschaulichungen. Tatsächlich sind rund 65 Prozent der Menschen visuelle Lerntypen. Dennoch wird aus meiner Sicht zu wenig Wert auf Grafiken, Diagramme, Mindmaps oder Zeichnungen gelegt. Stattdessen hören wir teilweise 30 bis 40 Minuten pro Lektion einem Lehrer-Monolog zu.
Die Erwartung an mich als Schülerin ist, dass ich alles aufnehme, acht Stunden am Tag konzentriert bleibe und zusätzlich am Abend noch ein bis zwei Stunden lerne. Während des Unterrichts bin ich jedoch oft passiv und wenig einbezogen. Das erschwert mir das Einprägen des Stoffes erheblich.
Technologie wird häufig als Ablenkung betrachtet und als Grund dafür gesehen, dass Kinder Motivation, Energie und Interesse verlieren. Das mag ein Teil der Erklärung sein. Für mich persönlich liegt der Hauptgrund jedoch eher im wenig ansprechend gestalteten Unterricht.
England: Meist wurden keine klassischen Schulbücher verwendet, sondern PowerPoint-Präsentationen, die teilweise farbig gestaltet waren und zentrale Inhalte klar strukturiert darstellten – nicht nur in schwarzem Fliesstext. Häufig begann eine Lektion mit einem kurzen Video zum aktuellen Thema oder damit, dass wir aufschrieben, was wir aus der letzten Stunde noch wussten, um mögliche Missverständnisse zu klären. Das regte zum Nachdenken an.
Besonders in Business und Wirtschaft wurde oft visuell gearbeitet, teilweise ganz ohne schriftliche Erklärungen. Beim Modell von Angebot und Nachfrage wurde beispielsweise alles bildlich dargestellt und mit zahlreichen Alltagsbeispielen ergänzt, um es greifbar zu machen.
Der Lehrer sprach jeweils nur einige Minuten, danach diskutierten wir häufig in Gruppen. Immer wieder präsentierten wir unsere Ideen mitten in der Lektion. Auch die Aufgabenstellungen waren abwechslungsreich: Wir recherchierten selbstständig, gestalteten Plakate auf dem Tablet oder bereiteten Debatten direkt im Unterricht vor.
In meinem Gymnasium werden Debatten meist nur im Deutschunterricht vorbereitet – nicht in anderen Sprachfächern und schon gar nicht in naturwissenschaftlichen Fächern. In England hingegen wurde Vorwissen regelmässig überprüft, jedoch ohne Notendruck. Wurden Lücken erkannt, wurden diese gezielt aufgearbeitet. Kurze Quizze, Kahoots oder Multiple-Choice-Fragen halfen festzustellen, ob der Stoff verstanden wurde. Gleichzeitig schufen sie Abwechslung und Motivation und machten die Lektionen interaktiv.
ChatGPT
Gestaltung und Inhalt
Schweiz: In den Sprachfächern liegt der Fokus häufig stark auf Grammatik. In den Naturwissenschaften fehlt oft der Bezug zum Alltag. Wenn ich den Sinn hinter einem Thema nicht erkenne, erscheint es mir weniger relevant – und das demotiviert mich.
Zudem wird im späteren Leben erwartet, dass wir strukturierte und umfangreiche Aufsätze verfassen können. Daher stellt sich für mich die Frage: Warum lernen wir das nicht früher und intensiver? Meiner Ansicht nach sollten Schulen das Schreiben deutlich früher fördern und systematisch aufbauen. Im Gymnasium geschieht dies erst in den letzten beiden Jahren – und auch dort nicht so strukturiert, wie ich es aus England kenne.
In den Sprachfächern sprechen die Schülerinnen und Schüler vergleichsweise wenig selbst. Lücken zu füllen oder einzelne Formen zu lernen bringt mich nicht weit, wenn ich das Gelernte nicht aktiv anwenden kann. Eine Sprache zu lernen sollte auf Sprechen und aktiver Nutzung basieren. Zudem sollte es Freude bereiten. Andernfalls sinken Interesse und Motivation, weiter Energie in die Fremdsprache zu investieren.
Einige Lehrer des Colleges sagten, Lehrpersonen sollten nicht mehr als etwa zehn Prozent der Stunde sprechen. Der Rest der Zeit solle den Schülerinnen und Schülern gehören, die die Sprache aktiv anwenden.
England: Im Englischunterricht führten wir gleich zu Beginn zwei Debatten und schrieben einen Aufsatz. Auch in wissenschaftlichen Fächern lernten wir, beide Seiten eines Arguments zu vertreten und klar strukturierte Antworten zu formulieren. Jeder Satz verfolgte einen konkreten Zweck.
Kreatives Schreiben wird in England – unabhängig davon, ob eine Schule privat ist oder nicht – bereits früh gefördert. Man könnte argumentieren, dass das Korrigieren vieler Texte zeitaufwendig sei. Das stimmt. Doch heute kann auch künstliche Intelligenz als unterstützendes Werkzeug zur Verbesserung und Korrektur eingesetzt werden, sodass Schülerinnen und Schüler daraus lernen können.
Grammatik wurde ebenfalls behandelt, selbst an einer internationalen Schule, an der Englisch für viele nicht die Muttersprache ist – allerdings integriert in den aktiven Sprachgebrauch. Die Lehrer waren der Ansicht, dass man möglichst schnell in echten Sprachkontakt kommen müsse. Einige Englischlehrer reagierten sogar erstaunt auf die Idee, ganze Lektionen ausschliesslich mit Grammatik zu verbringen. Ich hingegen war nichts anderes gewohnt.
Kurzpräsentationen, unterschiedliche Textsorten und Forschungsprojekte wurden regelmässig eingefordert. Sie wurden nicht immer benotet, was den Leistungsdruck reduzierte. Generell wurde uns stets erklärt, warum wir etwas lernten. Ein Bezug zu realen Situationen wurde hergestellt und durch anregende Fragen vertieft. Häufig begann eine Lektion mit einem Praxisbeispiel, damit wir das Wissen später auch in Prüfungen anwenden konnten.
Das war das Erste, was wir in England von unseren Lehrern hörten.
Sie liessen uns wohler fühlen, indem sie die Hierarchie zwischen Lehrpersonen und Schülerinnen und Schülern weniger spürbar machten. Es war ein Miteinander, kein einseitiges Vermitteln von Wissen. Lehrpersonen waren offen für neue Gedanken und Perspektiven. Sie zeigten uns, wie wir präzise und relevante Fragen stellen können, um uns gezielt zu verbessern.
Dabei ging es nicht nur um Noten, sondern um das Lernen selbst. Menschen fühlen sich meist sicherer, wenn sie an dem festhalten, was sie bereits kennen und was funktioniert. Doch ich bin überzeugt, dass wir uns alle weiterentwickeln können, wenn wir offen für neue Ansätze sind, Kritik konstruktiv annehmen und gemeinsam an Verbesserungen arbeiten.
Von Maileen Strijkers
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